06. November 2009

Fehlt der kompetente Nachwuchs?

Auszubildende mit mangelnder Volksschulbildung, Forderungen nach einer höheren Maturitätsquote – das duale Ausbildungssystem der Schweiz wird von verschiedenen Seiten grundsätzlich in Frage gestellt. AUTO&Wirtschaft hat herumgefragt, wie die Garagisten zur Ausbildung im Autogewerbe stehen.

Fehlt der kompetente Nachwuchs?

Pietro Marino: «Lehrlinge dürfen nicht als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden.»

VON STEFAN GFELLER

In letzter Zeit wurden Forderungen laut, die Maturitätsquote in der Schweiz zu erhöhen und das Ausbildungssystem zu akademisieren – weg vom bewährten dualen Schweizer Weg mit praktischer Ausbildung im Betrieb parallel zum schulischen Unterricht. Ausbildner beklagen sich zudem, dass die Schulabgänger oftmals nicht über das nötige Rüstzeug für einen Berufseinstieg beziehungsweise eben eine Lehre verfügen würden. Steht es wirklich so schlimm um die heutige Jugend, und sollten die Fachleute der Automobilbranche künftig an technischen Universitäten ausgebildet werden?

Es braucht auch «Schrauber»

Grundsätzlich zufrieden mit dem heutigen Ausbildungssystem ist Willi Brunner, Inhaber und Geschäftsführer der Mühle-Garage Brunner AG, Langnau im Emmental (Ford; ein Automobil-Assistent, ein -Fachmann, zwei Mechatroniker in Ausbildung): «Wir brauchen sicher einerseits Leute, die eine gute Vorbildung haben. Andererseits braucht es im Autogewerbe eben auch die guten Handwerker, die Schrauber. Es ist in einer Werkstatt wie in einem Fussballteam. Dort gibt es einen Goalie, es gibt Stürmer und Verteidiger. Setzt man nun beispielsweise den Goalie als Stürmer ein, oder umgekehrt, dann funktioniert die Mannschaft als ganzes nicht mehr. So ist es auch in der Werkstatt. Das Team muss stimmen, und ein jeder sollte möglichst gemäss seinen Fähigkeiten und Eigenschaften eingesetzt werden. Die Auswahl der Lehrlinge ist schwierig. Würde ich mich dabei nur auf den AGVS-Eignungstest und die Schulnoten abstützen, da würde ich wohl meist falsch wählen, beispielsweise, weil eben einer nicht in unser Team passt. Die Schnupperlehre ist also sicher ein wichtiges Auswahlkriterium. Ich bin froh für jeden, der Mechatroniker lernen kann, bin aber auch dankbar, dass es schulisch Schwächere gibt, für die wir im Autogewerbe ja entsprechende Ausbildungen anbieten können. Und dann spielt in unserem Betrieb die soziale Komponente auch eine wichtige Rolle. Wir haben auch schon Automobil-Assistenten-Lehrlinge angenommen, die vielleicht nicht die besten Voraussetzungen hatten, denen ich aber eine Chance geben wollte. Es mag jedoch nur einzelne solche Leute in einem Betrieb leiden. Denn die muss man mitziehen, das braucht Nerven und viel Zeit. Da muss immer wieder jeder Arbeitsschritt kontrolliert werden. Leute also, die niemand einstellen würde, der nur auf Leistung schaut. Aber das sollte aus meiner Sicht nicht das einzige Kriterium sein, und irgendwie hat ja jeder, der dies will, eine Chance verdient, einen Beruf zu erlernen.»

Ausbildungsbetriebein der Pflicht

Pietro Marino, Inhaber der Garage Pietro Marino, Langendorf (Fiat; zwei Automobil-Fachleute in Ausbildung), ortet die Probleme eher bei den Ausbildungsbetrieben als bei den Lehrlingen: «Ich sehe in den nächsten Jahren generell eher schwarz für den erforderlichen kompetenten Nachwuchs in der Auto­branche. Daran tragen aber die Ausbildungsbetriebe eine grosse Mitschuld. Denn wer nur Lehrlinge ausbildet, um billige Arbeitskräfte zu haben, um sie als Putzhilfen einzusetzen und zum Reifenwechsel, kann auch nicht erwarten, dass sie am Ende ihrer Lehre im Beruf etwas taugen werden. Da fehlt ja dann einfach auch die entsprechende Motivation. Genau dies passiert aber, viele Firmen nutzen heute die jungen Leute aus und bezahlen sie auch nicht entsprechend. Ich sage jedem Interessenten, der das Rüstzeug dazu hat, dass er sich schon von Anfang an für eine Lehre als Mechatroniker entscheiden kann, dass das aber sehr hart werden wird und dann halt auf den Ausgang am Wochenende verzichtet werden muss. Was ja auch nicht immer einfach ist, in diesem Alter. Oder aber er lernt erst einmal Automobil-Fachmann und kann zwischendurch noch etwas atmen. Wenn er in der Schule gute Leistungen zeigt, kann er auch die Rekrutenschule während der Lehre machen, vielleicht dort sogar den Lastwagenführerausweis erwerben. Danach kann er sich weiterbilden, und wir werden ihn dabei unterstützen. Momentan bilden wir einen Automobil-Fachmann aus, der bereits -Assistent ist, aber ehrlich gesagt in seiner ersten Lehre nicht sehr viel mit auf den Weg bekommen hat. Er kann hier nun viel anspruchsvollere Arbeiten ausführen und erhält, obwohl er wieder in der Lehre ist, von uns einen anständigen Lohn, von dem er auch leben kann. Der Junge ist inzwischen hoch motiviert, interessiert und bringt seine Leistung in der Werkstatt und in der Schule.»

Den Beruf bewusst wählen

Die Wichtigkeit von Vorabklärungen – auch unter Einbezug der Eltern von Lehrstellenbewerbern – betont Peter Bonani, Inhaber der AD Garage Bonani GmbH, Langenthal (AD Garage, Toyota-Spezialist; ein Automobil-Fachmann in Ausbildung): «Viele der Bewerber für eine Lehrstelle wissen einfach noch nicht, worum es eigentlich geht, und sie müssen sich aus meiner Sicht zu früh für einen Beruf entscheiden. Wir sehen das, wenn einer beispielsweise Schnupperlehren als Schreiner, Automechaniker und Mechaniker macht. Da habe ich einfach das Gefühl, dass die richtige Beziehung zum Beruf, das nötige Herzblut fehlt. Andere dagegen wissen ganz genau, was sie wollen, und eine Tätigkeit im Autogewerbe ist ihr Traumberuf. Mit diesen Lehrlingen haben wir dann meist auch weniger Motivationsprobleme.
Andererseits gibt es nach wie vor viele Junge, die scharf auf einen Auto-Beruf sind, denen man aber klar sagen muss, dass es von der Vorbildung, der Schulbildung her nicht reicht, um die doch anspruchsvolle Ausbildung bestehen zu können.
Wir haben jedoch bisher immer gute Leute gefunden. Und es melden sich jedes Jahr mehr Bewerber für eine Lehrstelle, als wir brauchen können, wir können also auswählen. Bewerber müssen zuerst einmal den Eignungstest des AGVS absolviert haben. Aus dem Ergebnis lassen sich bereits erste Rückschlüsse ziehen. Danach kommen sie eine Woche in die Schnupperlehre. Nach dieser Woche entscheiden wir uns, ob die Person in unseren Betrieb passt. Wir betrachten aber natürlich auch das persönliche Umfeld der Kandidaten, das Elternhaus. Wichtig ist, dass die Eltern hinter der Entscheidung zur Lehre stehen und dass auch wir Rückendeckung von ihnen haben. Deshalb führen wir jeweils auch intensive Gespräche mit den Eltern, bevor wir eine endgültige Entscheidung treffen.»

www.garagebrunner.ch
www.garagemarino.ch
www.garage-bonani.ch

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