07. Juli 2009

Kunststoff kann unterschiedlich geflickt werden

In der wirtschaftlich schwierigen Zeit, aber auch aus ökologischer Sicht, lohnt es sich doppelt, Kunststoffe in der Aussenhaut und unter der Motorhaube zu reparieren, statt zu ersetzen. Allerdings gibt es verschiedene Verfahren, die zum Ziel führen. Wir stellen die Möglichkeiten vor.

Kunststoff kann unterschiedlich geflickt werden

Loch gestopft: Andreas Hirsmüller von BMW weiss, dass auch grosse Löcher in Kunststoffen ohne Weiteres repariert werden können.

VON ROLAND HOFER

Kunststoff ist leicht und lässt sich fast beliebig formen, weshalb er für den modernen Automobilbau unverzichtbar ist. Nicht zuletzt darum sind die Fahrzeugfronten sowie das Heck meist von grossflächigen Kunststoffteilen umgeben. Sie erfüllen zudem eine wichtige Schutzfunktion im Langsamfahrbereich aus und nehmen nach einem Rempler ihre ursprüngliche Form wieder ein. Die sogenannten Stossfänger werden häufig mit Clips oder Klemmen fest mit der darunterliegenden Metallstruktur verbunden, so dass sie recht einfach demontiert werden können.
Die meisten Kunststoffe im Auto lassen sich demzufolge durch raffinierte Metallgewebe und Ersatzkunststoffe oder durch Erhitzen ohne Weiteres reparieren. Ergibt sich bei einem Stossfänger ein Riss, ein Bruch oder gar ein Loch, ist das längst kein Grund, dieses Teil zu ersetzen, denn Reparaturspezialisten beweisen, dass es möglich ist, solche Blessuren originalgetreu wieder herzustellen. Dazu besitzen die Anbieter sogar Werkfreigaben, damit alles seine Richtigkeit hat.

Personal auslasten
Eine Reparatur lohnt sich also häufig auch bei neueren Fahrzeugen, denn für ältere Wagen ist es auch aus wirtschaftlicher Sicht vorteilhafter, eine Reparatur auszuführen. Für den Betrieb rechnet sich die Reparatur, weil ein Mitarbeiter länger beschäftigt ist als beim reinen Ersatz. Sie generieren also bezahlte Arbeitszeit. Mit der Kunststoffreparatur ist es ähnlich wie beim Dellendrücken: Wenn sich einer oder zwei Mitarbeiter darauf spezialisieren, erarbeiten sie sich eine Routine, die bereits nach kurzer Zeit die Anfangsinvestition amortisieren kann. 

Kunststoff richtig zuordnen
Praktisch jedes Kunststoffteil besitzt an der Rückseite eine normierte Bezeichnung (ISO-Code), so dass leicht festgestellt werden kann, um welche Art Kunststoff es sich handelt. Im Automobilbau kommen zu rund einem Drittel die technischen Thermoplaste wie Polymere des Styrols (ABS), Polyamid (PA), Polyester (PET, PBT) sowie Polycarbonat (PC) vor. Diese werden bei Erwärmung weich und lassen sich darum besonders gut reparieren. Knapp die Hälfte bilden Standardkunststoffe wie Polypropylen (PP), Polyvinylchlorid (PVC) und Polyethylen (PE), während der Rest auf die Duroplaste Polyurethan (PUR) und ungesättigte Polyester (UP-Harze) entfällt. 
Bleibt schliesslich nur noch eine Frage ungeklärt: Soll der Kunststoff mit Spezialklebern kalt repariert werden oder durch Erwärmen weich gemacht und die Reparaturstelle durch Hinzufügen von gleichartigem Kunststoff geschlossen werden.

Erhitzen mit dem Heissluftgebläse
Seit vielen Jahren vertreibt die F. Jannone AG in Wabern die bekannten Heissluftgeräte von Leister (Sarnen) in Teilen der Deutsch- und Westschweiz. Im Angebot sind nun auch Kunststoff-Schweissdrähte, die sich im Reparaturbereich besonders gut eignen.
Die 37 Zentimeter langen Kunststoffdrähte (Stiks) aus PP/EPDM sind schwarz. Franco Jannone hat sie exklusiv entwickeln lassen, um Stossfänger und andere Kunststoffteile besser reparieren zu können. PP/EPDM sind thermoplastische Polyolefin-Elastomere mit der Bezeichnung Polypropylen/Athylen-Propylen-Terpolymere. Zwei Versionen werden angeboten: flach und dreieckig. Ihre Anwendung mit den existierenden Zubehörteilen ist kein Problem. Etwa die Halterung von Leister, die den «Draht» genau im Heissluftstrom festhält. Durch die heis­se Luft wird der Kunststoffdraht weich und lässt sich ideal bearbeiten. Schon nach kurzer Zeit verbindet er sich mit dem lädierten Kunststoff und schliesst so die Schadenstelle. Der grosse Vorteil ist, dass sich die reparierten Teile nachher genau gleich Anschleifen und für die Lackierung weiterverarbeiten lassen, wie das Original. Das einzigartige Produkt PP/EPDM hilft aktiv mit, Zeit und Kosten zu sparen. Die Lagerhaltung wird dadurch vereinfacht, dass ein einziges Reparaturmaterial für zahlreiche verschiedene Kunststoffe angewendet werden kann.
Nach dem gleichen Verfahren erfolgen Reparaturen bei dem von der ESA vertriebenen Steinel-Reparatursystem aus Deutschland. Heinz Bachmann, Vertriebsleiter Carro, erklärt: «Die Verarbeitung erfolgt durch ein auf das System abgestimmte Profi-Heissluftgebläse mit aufgesetzter Fahrzeug-Reparaturdüse. Durch das intelligente Konzept ist das Reparatursystem nicht nur universell einsetzbar, sondern ermöglicht auch die fachgerechte Reparatur an Problemstellen. So war es bisher kaum möglich, abgerissene Halter bzw. Befestigungslaschen, etwa an Stossfängern und Scheinwerfern, technisch korrekt zu reparieren. In der Regel musste in so einem Fall das gesamte Kunststoffteil ausgewechselt werden. Durch die Verwendung des Edelstahlgewebes in Verbindung mit dem Multi-Thermoflexx-Schweissdraht stellt auch dieser häufige Schadenfall für das Steinel-System kein Problem dar. Das Einbringen des Edelstahlgewebes verstärkt die Reparaturstellen in der Regel sogar und verbessert die mechanischen Eigenschaften des Materials. So überstehen reparierte Teile problemlos den Biege- und Torsionstest, erreichen eine hohe Flexibilität und sind beständig gegen die Bildung von Spannungsrissen.» Das Steinel-Reparaursystem wird in einem handlichen Koffer ausgeliefert.

Erhitzen mit dem Schweisskolben
Eine weitere Möglichkeit, Kunststoffe sauber zu reparieren hat der deutsche Anbieter Förch entwickelt. Dabei hat das international agierende Unternehmen einen Koffer bereitgestellt, in dem sich alle für eine Reparatur notwendigen Utensilien befinden. Das zentrale Element ist ein «Schweisskolben», der ähnlich funktioniert, wie ein Lötkolben. Mit ihm gelingen Kunststoffreparaturen praktisch immer, denn die Temperatur des Kolbens kann an die Plastikeigenschaften genau angepasst werden. Weiter enthält der Koffer verschiedene 20 Zentimeter lange Kunststoffstäbe, mit genau den gleichen Zusammensetzungen wie das Original – und natürlich den übereinstimmenden Kurzbezeichnungen. Schliesslich befindet sich im Koffer ein Aluminium-Metallgewebe, um grössere Öffnungen zu stabilisieren, sowie eine Drahtbürste zur Reinigung des noch warmen Schweisskolbens. Der Vorteil diese Methode ist, dass das Kunststoffteil nicht zwingend abmontiert werden muss. 
Ähnlich verläuft die Reparatur mit dem Crystal Plastic-Repair-Set, das bei der Carbesa vorrätig ist. Hier kommen ein Heizstab mit Rundfuss, ein INOX-Drahtgitter, das in die Reparaturstelle eingeschmolzen wird sowie verschiedene Kunststoff-Schweissstäbe, darunter ein faserverstärkter Polypropylen-Schweissstab, zum Einsatz.

Die «kalte» Reparatur
Als dritte Variante, Kunststoffe reparieren zu können, kann das «kalte» Verfahren von Carsystem der Jasa AG bezeichnet werden. So bietet das Unternehmen die in diesem Jahr neu eingeführte 2K Power Mix Reihe. Darin sind sämtliche Produkte für das professionelle Kleben von Kunststoffen enthalten. Risse, Löcher, abgebrochene Halter, all das kann mit dem neuen 2K Power Mix System von Carsystem repariert werden. Ganz neu im Programm sind die 2K Power Bond Klebeprodukte. Der Jasa-Geschäftsführer Erwin Huber weist darauf hin: «Diese Produkte sind auf Polymerbasis und daher deutlich umweltschonender. Die Klebemas­sen enthalten keine Verdünnung oder Isocyanate. In den nächsten Jahren werden genau diese Polymer-Produkte einen deutlichen Zuwachs erleben. Mit dem ebenfalls neu eingeführten 2K-Kleber System Koffer, wurde zusätzlich eine anwenderfreundliche Aufbewahrungsbox ins Programm mit aufgenommen.»
Das zweite Klebesystem für Kunststoffe stammt von 3M und umfasst sämtliche «Zutaten» im 3M-Automix-System. Zentral ist die Automix-Anleitung, welche in Bildern den Ablauf einer Kunststoffreparatur – etwa eines Risses in einem Stossfänger – in 13 Schritten aufzeigt. In neun Schritten wird zudem genau erklärt, wie abgerissene Halterungen wieder «wie neu» geklebt werden und schliesslich wird detailliert erläutert, wie Halterungen problemlos nachgebildet werden können. Die Bildfolgen sind mit präzisen Zeitangaben und den benötigten Zubehören (Schleifmittelkörnung, Sprays, Bohrerdurchmesser, Klebstoffe und -bänder sowie Reiniger) versehen, so dass eigentlich nichts falsch gemacht werden kann. Selbstverständlich gibt es Automix in Deutsch und Französisch.
In die Kategorie «kalt» passt auch das Reparatursystem von Teroson. Wie bei den andern Verfahren wird die Schadenstelle zuerst blank geschliffen und die Ränder vorbereitet. Nach einer gründlichen Reinigung der zu bearbeitenden Stelle wird ein Glasfaserstück in die Öffnung gelegt. Dann wird mit schnell härtendem, dickflüssigem und gut klebendem Kunststoff zuerst die Rückseite aufgefüllt. Bereits nach kurzer Zeit kann die Vorderseite mit Universal-Kunststoffkleber, der sich rasch mit der fixierten Glasfasermatte sowie den Rändern verbindet, aufgefüllt werden. Nach einem weiteren Schleifgang und gründlicher Reinigung kann mit dem Lackaufbau begonnen werden.
Peter Hasel, Market Manager Automotive Aftermarket Europa bei  Teroson, weiss, dass alle wichtigen Lackhersteller auf das Kunststoff-Reparatursystem von Teroson vertrauen, weil es sich mit allen gängigen Reparaturlacksystemen gut verträgt. Rund 85 Prozent aller Autohersteller, darunter BMW und Mercedes-Benz, haben ihre Freigabe für Teroson-Kunststoffreparaturen an ihren Modellen erteilt.
Der seit rund zwei Jahren existierende Replast-Klebstoff aus dem Hause Würth macht Schluss mit dem mitunter unübersichtlichen Kleber-Chaos in Werkstätten. Denn anders als die meisten herkömmlichen Produkte eignet sich Replast für das Verkleben nahezu aller gängigen Kunststoffarten. Dazu zählen beispielsweise Spoiler, Stossfänger, Schürzen und Halterungen an Scheinwerfern. Den Klebstoff bietet Würth in zwei Varianten: «Universal» lässt sich in etwas mehr als drei Minuten verarbeiten und bei 23 Grad nach 30 Minuten schleifen. Die Variante «Fast» hat eine Verarbeitungszeit von 90 Sekunden und ist bereits nach zehn Minuten schleifbar. Auch einer Weiterverarbeitung steht nichts mehr im Weg. Die zweikomponentige lösemittelfreie Zusammensetzung wird in einer Doppelkartusche geliefert und mittels eines Einweg-Zwangsmischers in einer speziellen Verarbeitungspistole unmittelbar vor dem Einsatz im Verhältnis 1:1 zusammengeführt. Die Mischvorrichtung sorgt dabei für die richtige Zusammensetzung und ermöglicht, die benötigte Menge des Klebers einfach zu dosieren. Der ausgehärtete Würth Kunststoffkleber ist zudem beständig gegen aggressive Flüssigkeiten wie Benzin, Öle oder Ethylacetat. Replast wird von Würth als Komplettsystem geliefert. Dazu gehören neben insgesamt sechs 50 Milliliter-Kleberkomponenten auch die speziellen Zwangsmischer sowie Kunststoffreiniger, Primer, Verstärkungsband und Konturfolie.

Detaillierte Gebrauchsanweisung
Mit dem Power-Mix Universal-Kunststoffkleber der Gyso AG, wird ebenfalls ein «kaltes» Verfahren angeboten. Drei verschiedene Kunststoffkleber mit unterschiedlichen Reaktionszeiten von 1, 5 und 20 Minuten stehen bereit. Martin Bähni, Bereichsleiter Fahrzeuge, betont allerdings, dass das Reparieren von Kunststoff nicht immer einfach ist, weshalb die Gyso AG besonderen Wert auf gründliche Ausbildung und Schulung legt. «Unsere Einführungskurse für Lehrlinge finden grossen Anklang», fügt er abschliessend bei, nicht ohne zu erwähnen, dass auch häufig Kurse direkt in einem Carrosseriebetrieb durchgeführt werden. 

So wird das Vorgehen durch die Gyso AG empfohlen:

Vorbereitung:
1. Reinigen mit Power Mix 4910 Spezial Reiniger.
2. Defekte Stelle mit Industriegebläse aufwärmen und in die ursprüngliche Form zurückbiegen.
3. Das Loch- oder den Riss mit einem geeigneten Fräser V-förmig ausfräsen, bis eine Mindest-Spaltbreite von 5 mm erreicht wird. Am Anfang und am Schluss des Risses ein 3 mm grosses Loch bohren, so wird das Nachreissen verhindert.
4. Reinigen mit Power Mix 4910 Spezial Reiniger.
5. Eine dünne Schicht Power Mix 4924 Primer auftragen und 20 Minuten ablüften lassen (beim Geruchstest kein Lösungsmittel-Duft wahrnehmbar).
Kleben:
1. Trägerfolie 4904 für die Innenanwendung und Konturfolie 4903 für die Aussenanwendung auf Reparaturgrösse zuschneiden.
2. Klebstoff egalisieren und mit Mischdüse 4945 versehen. Vor der Verklebung die Patrone 30 Sekunden lang aufrecht halten (so dass die Luft in der Patrone zum Kolben gelangen kann). Nachher 5 cm aus der Patrone pressen und entsorgen, denn erst jetzt stimmt das Mischverhältnis.
3. Klebstoff direkt auf Trägerfolie 4904 auftragen (dabei darauf achten, dass die Spitze des Mischers immer in der Masse bleibt, sonst besteht die Gefahr, dass Luft eingeschlossen wird) und von der Innenseite der Schadenstelle her nach aussen drücken.
4. Die Konturfolie 4903 auf den Klebstoff auflegen und von der Mitte her nach aussen mit den Fingern vorsichtig ausglätten. Es dürfen keine Blasen entstehen.

Spachtelarbeit:
1. Reinigen mit Power Mix 4910 Spezial Reiniger.
2. Eine dünne Schicht Power Mix 4924 Primer auftragen und 20 Minuten ablüften lassen (beim Geruchstest kein Lösungsmittel-Duft wahrnehmbar).
3a. Für grobe Unebenheiten SMC Karbonfaser-Spachtel verwenden.
3b. Für mittlere bis feine Unebenheiten Power Mix 1500 Flex Fill Kunststoff-Spachtel verwenden.
Füllerarbeiten:
1. Reparaturstelle trocken mit P320 ausschleifen.
2. Reinigen mit Power Mix 4910 Spezial Reiniger.
3. Empfohlen: Eine dünne Schicht Power Mix 4924 Primer auftragen und 20 Minuten ablüften lassen (Geruchstest).
4. Top-Multifüller S20 oder Füllerspray Grau auftragen. (Wichtig: max. 100 Mikron). Die Endfestigkeit wird nach rund 24 Stunden erreicht.

www.jannone.ch
www.esa.ch
www.esashop.ch
www.foerch.ch
www.carbesa.ch
www.jasa-ag.ch 
www.3m-auto.ch
www.3mshop.ch
www.teroson.de
www.wuerth-ag.ch 
www.gyso.ch

 

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