25. Oktober 2010

«Ohne die GVO im Service- und Ersatzteilmarkt wäre die freie Marktwirtschaft ausgehebelt»

Im Interview spricht Kurt Schnyder, CEO der SAG AG (Swiss Automotive Group), über die Veränderungen bei der GVO, die Ziele bei den SAG-Tochtergesellschaften Derendinger und Technomag und die Herausforderungen, denen sich freie Garagisten und die unabhängige Service- und Ersatzteilbranche in Zukunft stellen müssen.

«Ohne die GVO im Service-  und Ersatzteilmarkt wäre die freie Marktwirtschaft ausgehebelt»

«Bezüglich Schulung und Weiterbildung muss der Garagist viel mehr Zeit einsetzen als er das in der Vergangenheit getan hat.» Kurt Schnyder, CEO SAG AG.

Die Aufhebung der KFZ-GVO (Gruppenfreistellungs­verordnung) ab 2013 beim Vertrieb von Neufahrzeugen hat Garagisten und Vertreter der Automobilbranche verunsichert. Es ist davon auszugehen, dass die eidg. Wettbewerbskommission WEKO mit der analog zur KFZ-GVO bestehenden KFZ-Bekanntmachung gleichzieht. Betroffen von dieser Änderung sind vor allem (Mehr-) Markenvertreter, bei denen die Hersteller und Importeure in Zukunft mehr Druck ausüben und Vertragsregeln aufstellen können. Der Markt des freien Service- und Ersatzteilgeschäfts ist hingegen weiterhin durch die allgemeine GVO für vertikale Abreden geschützt. Zumindest bis 2023, wie Kurt Schnyder im Interview erklärt. Schnyder ist CEO der 2009 gegründeten SAG AG, zu der mit dem Zusammenschluss von Derendinger und Métraux Services die selbständigen Tochtergesellschaften Technomag, Derendinger (Schweiz und Österreich), Wälchli+Bollier und die in Belgien tätige Remco NV gehören. Mit einem Umsatz von 525 Millionen Franken 2009 und 84 Filialen ist die SAG einer der grössten Anbieter der freien Auto-Ersatzteilbranche in Europa. Schnyder ist zudem Verwaltungsratspräsident des Auto-Teile-Rings ATR, der Vereinigung führender Handelsunternehmen des freien Autoteilehandels, dem die SAG angehört.

Mit Kurt Schnyder sprach Lukas Hasselberg

AUTO&Wirtschaft: Wie hat sich die seit 2002 geltende KFZ-GVO bzw. KFZ-Bekanntmachung in der Schweiz auf die freien Werkstätten und den Ersatzteilhandel ausgewirkt?
Kurt Schnyder: Die KFZ-Bekanntmachung hat sich eigentlich gar nicht ausgewirkt. Im Reparatur- und Ersatzteilmarkt gibt es eine Zeitachse. Neue Autos bleiben in der Regel bei der Markenvertretung und alte Fahrzeuge gehen immer mehr zu freien Werkstätten. Bei Service- und Garantieleistungen hat die KFZ-Bekanntmachung unterstützende Wirkung gehabt. Dort gibt es einen grösseren Freiheitsgrad.

Inwiefern haben die SAG-Unternehmungen Derendinger, Technomag, Wälchli+Bollier und Remco vom freien Wettbewerb bzw. von den  verhinderten vertikalen Absprachen und Regelungen profitiert?
Die SAG hat sich gut entwickelt, das hat aber andere Gründe, wie z.B. das gesteigerte Fahrzeugvolumen und das durchschnittliche Alter der Automobile. Die Bekanntmachung hat flankierende Einflüsse: So wurden Rahmenbedingungen geschaffen, die es verhinderten, die Autos total im Händlernetz zu behalten.

Was für Auswirkungen hat die Aufhebung der KFZ-GVO  ab 2013 im EU-Raum?
Die KFZ-GVO wird ja nur beim Autovertrieb aufgehoben, beim Ersatzteilhandel besteht nach wie vor die GVO. Wesentlich dabei ist der Zugang zu technischen Informationen der Automobilhersteller. Diese Regelung sichert den freien Reparatur- und Ersatzteilhandel. Weil die Hersteller die Daten rausgeben müssen, kann jede Garage mit dem entsprechenden Diagnosegerät jedes moderne Fahrzeug reparieren. Für die SAG bedeutet das, dass auch komplexe Autos in freien Garagen repariert werden können, was auch keine Auswirkungen auf den Garantiefall hat, denn die Hersteller müssen die Werksgarantie auch bei Servicearbeiten durch unabhängige Garagen gewährleisten. Das war vor der GVO nicht geregelt.

Der Schlüssel ist also der Zugang zu den technischen Daten der Automobilhersteller?
Genau. Die GVO bezüglich Service und Ersatzteile läuft bis zum Jahr 2023 und bis dahin ist der Zugang gewährleistet. Die GVO bedeutet die Sicherstellung, dass der freie Reparatur- und Ersatzteilmarkt in der Zukunft besteht und der Kunde seine Werkstatt selber wählen kann. Ohne die GVO wäre die freie Marktwirtschaft ausgehebelt. Ohne Detailkenntnis, moderne Diagnosegeräte und die dazugehörigen Daten lässt sich heute kein modernes Auto mehr reparieren.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit bzw. das Verhältnis mit den Importeuren und Markenvertretern und der SAG in der Schweiz?
Das ist wie immer, die Markenvertreter machen ihr Geschäft vor allem mit neuen Autos und wir unseres eher mit älteren Modellen. Der Markenvertreter bezieht das Ersatzteil vor allem aus dem eigenen Pool. Wenn es Lieferengpässe und Probleme gibt, springen wir ein. Unser Vorteil ist die Geschwindigkeit.

Die Eidgenössische Wettbewerbskommission WEKO wird vorerst an der KFZ-Bekanntmachung analog zur EU bis 2013 festhalten. Gehen Sie davon aus, dass die WEKO ab 2013 mit der EU gleichzieht?
Ja, die WEKO übernimmt die Aufhebung der KFZ-GVO bezüglich des Automobilvertriebs. Eventuell gibt es Anpassungen für die Schweiz.

Wie steht der Auto-Teile-Ring zur GVO?

Der ATR ist froh über die GVO im Ersatzteilmarkt. Der Konsument ist der Profiteur, da er wählen kann, wo er mit seinem Auto in die Reparatur geht.

Wie beurteilen Sie das Werkstattgeschäft in Zukunft? Welche Herausforderungen kommen auf freie Garagisten zu?
Für Schulung und Weiterbildung muss der Garagist viel mehr Zeit als in der Vergangenheit einsetzen. Zusätzlich muss er sich mit modernen Diagnose-Geräten ausrüsten, deren Bedienung oben genannte Schulungen voraussetzen. Diese Multifunktionstester gibt es auf dem Markt. Der freie Reparaturmarkt muss den Technologiewandel mitmachen.

Inwiefern gewährleistet die SAG bei ihren Partnern diesen Technologiewandel?
Die Partner bei unseren Garagenkonzepten wie AD oder Garage Plus verfügen über die oben genannte Ausrüstung und müssen entsprechende Schulungen machen. Wir geben ihnen entsprechende Ausrüstungsvorschriften vor. Alle zwei Jahre werden die Betriebe zertifiziert. Diese beiden Garagen-Netzwerke sind daher technologisch auf dem neusten Stand.

Nach der Gründung 2009 wurden die Ziele der SAG AG mit einem Umsatz von 525 Millionen Franken noch im gleichen Jahr übertroffen. Wie sieht das bisherige Jahr 2010 aus?

Auch in 2010 werden wir beim aktuellen Trend wieder die Erwartungen unseres Businessplans übertreffen. Alle 12 Projekte, die wir aufgesetzt haben, wurden realisiert. Die Projekte in den 12 Bereichen haben zum Zusammenschluss der zwei gleichberechtigten Partner Derendinger und Métraux Services geführt. Mitte letzten Jahres haben wir mit der Vorbereitungsphase angefangen und in den ersten sechs Monaten 2010 konnten wir alle diese 12 Projekte dank dem grossen Einsatz unserer Mitarbeiter besser als wir es angenommen hatten, umsetzen.

Wie funktioniert der Zusammenschluss der einzelnen Unternehmungen unter dem Dach der SAG? Was für Synergien konnten genutzt werden?
Die beiden Brands Derendinger und Technomag treten am Markt weiterhin getrennt auf.  Insbesondere bei den Betriebsabläufen konnten wir vereinfachen und optimieren. Grundsätzlich haben wir Synergien in den rückwärtigen Bereichen wie Einkauf, Logistik und IT ausgeschöpft. Jetzt sind wir in einem normalen Prozess am Markt.

Welche Strategie verfolgt die SAG AG?
Wir sind in der Schweiz, Österreich und Belgien aktiv. In allen penetrierten Märkten wollen wir weiter wachsen. Der Hauptwachstumsfokus liegt in Österreich, da dort der Marktanteil noch ausbaufähig ist. Das gleiche gilt für Belgien. In der Schweiz geht es darum, die Kundenbeziehungen zu verbessern, die Leistung zu optimieren und konstant zu wachsen. Es gibt 55 Filialen in der Schweiz und weiterhin Bereiche, wo die Marktdurchdringung noch nicht befriedigend ist. Eine neue Filiale eröffnen wir in Bülach.

Wie hoch ist das Wachstum in Österreich?
Dort verzeichnen wir mit Derendinger Österreich ein zweistelliges Wachstum und wollen auf diesem Niveau weiter machen.

Hat sich der Eintritt der ESA in den Ersatzteilemarkt auf das Geschäft der SAG ausgewirkt?
Die ESA ist ein weiterer Player, mit dem wir umgehen, aber das Leben hat uns die ESA bisher nicht schwer gemacht. Wir versuchen, unser Geschäft gut zu machen und schauen nicht, was die anderen machen.

Wie profitiert die SAG vom Auto-Teile-Ring (ATR), der Vereinigung führender Handelsunternehmen des freien Autoteilehandels?
Die Synergien beim ATR sind auf der Einkaufsseite. Wir bündeln unser Einkaufsvolumen, um entsprechende Verträge aushandeln zu können. Zudem verzeichnet der ATR ein sehr starkes Wachstum einerseits bei den Mitgliedern und andererseits durch erweiterte Mitgliedschaften. Ausserdem gehören dem ATR wenige, dafür aber die führenden Unternehmen im Autoteilehandel an, was ebenfalls zum stetigen Wachstum beiträgt. Das schlägt sich auch im Umsatz nieder: 4 Milliarden Euro betrug der Umsatz der ATR-Mitglieder 2009. 

www.sag-ag.ch


Persönlich

Der 56-jährige Kurt Schnyder hat seine Laufbahn in der Automobilwirtschaft mit einer Lehre zum Automechaniker begonnen. Während Schnyder danach als Mechaniker gearbeitet und später eine Garage geleitet hat, studierte er berufsbegleitend Maschinenbau am Abendtechnikum zum Ingenieur HTL. Ebenfalls berufsbegleitend bei vollem Arbeitspensum studierte Schnyder daraufhin Betriebswirtschaft. 1988 begann Schnyder bei Derendinger als Leiter Technik und war ab 1996  Geschäftsführer. «Ich kenne das Geschäft wirklich von der Pike her», sagt Schnyder.
Kurt Schnyder ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Der passionierte Reiter besitzt mit seiner Frau einen eigenen Reitstall mit Dressur-Pferden.

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