22. Juni 2021

Hat sich die Politik bei der Elektromobilität verrechnet?

170 Wissenschaftler haben in einem offenen Brief an die EU auf Rechenfehler bei der CO2-Bilanzierung von Elektromobilität hingewiesen. Dies melden die «Stuttgarter Zeitung» und die «Stuttgarter Nachrichten».

Hat sich die Politik bei der Elektromobilität verrechnet?

In einem offenen Brief warnen 170 Wissenschaftler aus aller Welt, dass der Beitrag von Elektroautos zum Klimaschutz zu hoch eingeschätzt wird. Der Grund: Der Strommix. «Die Zahlen suggerieren ein Einsparpotenzial, das wir nicht haben», sagt Professor Thomas Koch vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) der Deutschen Presse-Agentur. Denn der Strommix sei schlicht falsch berechnet worden.

 

«Die Frage ist nicht: Elektroauto oder Verbrenner. Die Frage ist: fossil oder nicht», sagte Koch mit Blick auf die EU, die gerade dabei ist, ihre CO2-Vorgaben für neu zugelassene Autos in Europa noch einmal zu verschärfen. Mit 453’000 verkauften Elektro- und Plug-in-Fahrzeugen im ersten Quartal ist Europa China mit 489’000 E-Autos dicht auf den Fersen. Und nach Ländern ist Deutschland heute sogar schon zweitgrösster E-Auto-Markt der Welt, mit fast 250’000 neu zugelassenen Elektroautos bis Ende Mai. VW gehört inzwischen zu den Treibern der Entwicklung. Bis 2030 will Volkswagen nur noch ein Drittel seiner Autos mit Benzin- oder Dieselmotor verkaufen. Mercedes-Benz und BMW peilen einen Anteil von etwa 50 Prozent an.

 

Aber einen festen Termin für das Ende des Verbrenners wollen die Konzerne nicht festlegen. Zu unterschiedlich sind die Märkte und die Wünsche der Kunden, zu unterschiedlich auch die politischen Vorgaben. Dazu kommt noch die Ladeinfrastruktur, die in vielen Ländern fehlt, auch in Europa. Und weil es letztlich ja um Klimaschutz geht, ist noch viel wichtiger, woher der Strom für die E-Autos eigentlich kommt.

 

Mit Strom aus Kohle oder Öl sehe er keinen grossen Sinn in der Umstellung auf E-Antriebe, erklärte VW-Chef Herbert Diess vor wenigen Tagen. Und auch BMW-Chef Oliver Zipse erklärte kürzlich: «Ein moderner Diesel ist klimafreundlicher als ein Elektrofahrzeug, das mit Kohlestrom geladen wird». Zipse mache sich zudem «grosse Sorgen», ob es überhaupt genug Ökostrom geben werden.

 

Die EU-Kommission geht bei ihren Vorgaben davon aus, dass der Strom mit dem Ausbau von Wind- und Solaranlagen sauberer werden wird. Doch Koch und seine Kollegen sagen Nein. Denn der Strombedarf wird noch mehr steigen – und dann stimmt die ganze Rechnung nicht mehr.

 

Die Bundesregierung will bis 2030 nicht nur 10 Millionen Elektroautos auf der Strasse haben, sondern auch Industrie und Heizung rasch umstellen. Der Strombedarf in Deutschland werde bis 2030 von 56 auf 57 Gigawatt zulegen, sagt Koch. In 6000 von den 8760 Stunden im Jahr werde es neben Ökostrom auch mehr Strom aus fossilen Kraftwerken brauchen. Das habe die Politik in ihren Debatten und Rechnungen aber übersehen und auf jeden Fall nicht mitgerechnet. Dann könnten die realen CO2-Emmission viel höher sein als von der Politik veranschlagt – in der Summe sogar doppelt so hoch.

 

Die Wissenschaftler seien sich alle einig, dass das Klima geschützt und der CO2-Ausstoss gesenkt werden müsse, betonte Koch. «Dafür brauchen wir auch das E-Auto.» Aber die Vorgaben favorisierten das E-Auto auch da, wo es dem Klima gar nichts nütze.

 

Wenn Ökostrom nicht mit Gas-, Öl- und Kohlestrom, sondern mit Atomstrom ergänzt würde, sähe die Rechnung besser aus. Aber das sei eine politische Entscheidung der Deutschen, sagte Koch. Wenn die heutigen Verbrenner statt Benzin und Diesel CO2-neutral hergestellten synthetischen Kraftstoff tanken würden, liessen sich dagegen 25 Prozent CO2 einsparen. Aber auch da gingen Politik und Industrie heute einen anderen Weg. Im Interesse des Klimas sollte die EU-Kommission ihre Haltung vor dem nächsten Schritt noch einmal bedenken, so der Appell der Wissenschaftler. (pd/ir)

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