5. Certified First Switzerland Mitgliedertreffen: Menschen machen den Unterschied
Posted by: Mario Borri
Klimawandel, künstliche Intelligenz und neue Anforderungen: Beim Mitgliedertreffen von Certified First Switzerland in der Autowelt von Rotz ging es um die Zukunft der Carrosseriebranche – und darum, was Menschen darin leisten.
Rund 90 Gäste trafen sich am Certified-First-Mitgliedertreffen 2026 in der Auto Welt von Rotz in Bronschhofen.
Text: Mario Borri/Bilder: Patrick Hutter, Andrea Wegmann und Mario Borri
In der Auto Welt von Rotz in Bronschhofen bei Wil (SG) kann man nicht nur Autos kaufen und sie reparieren lassen, man kann auch übernachten und essen. Das vor einem Jahr neu eröffnete Hotel von Rotz bietet 96 Zimmer und Suiten, zwei Spa’s und das Restaurant Cabrio. In diesem spannenden Umfeld traf sich das Certified-First-Netzwerk am 30. Oktober 2026 zum insgesamt fünften Mal. Zum ersten Mal unter der Führung des neuen CFS Managers Christoph Kronig, zum dritten Mal moderiert von Cyndie Allemann. Rund 90 Gäste aus der ganzen Schweiz, Inhaberinnen und Inhaber von Carrosserie- und Lackierbetrieben, Mitarbeitende, Partner und Lieferanten waren dabei.
Vom Einmannbetrieb zum riesigen Areal
Nach der Begrüssung durch Christoph Kronig stellten Karin und Hanspeter von Rotz den Betrieb vor. Hanspeter von Rotz gründete das Unternehmen 1978. Was damals als Einmannbetrieb begann, ist heute eine Unternehmensgruppe mit rund 220 Mitarbeitenden, das pro Jahr rund 5500 Fahrzeuge verkauft und über 15'000 Werkstattaufträge ausführt sowie ein Hotel und ein Restaurant betreibt. Vor zehn Jahren hat Hanspeter die Geschäftsführung Tochter Karin abgegeben. Sie erläuterte, wie das Wachstum gelang: Kundinnen und Kunden persönlich betreuen, Mitarbeitenden Verantwortung übertragen und erwirtschaftete Mittel ins Unternehmen zurückführen. Bei Schwierigkeiten setze man auf Lösungen und den Erhalt von Beziehungen. Die jeweiligen Schritte – vom Mehrmarkenhandel über Direktimport und Elektromobilität bis zu Digitalisierung und Gastronomie – hätten jeweils Mut verlangt. Das Unternehmen sei gewachsen, weil Menschen mitgewachsen seien.
Qualität, die jedes Jahr geprüft wird
Anschliessend richtete Christoph Kronig den Blick auf das Netzwerk. Bei Certified First zähle nur, wer das Audit bestanden habe, so der Netzwerkmanager. Jeder Betrieb werde jedes Jahr von einem externen Auditor vor Ort geprüft; seit 2022 habe es über 250 Audits gegeben. Das Zertifikat sei damit ein Qualitätsausweis für Endkundinnen und Endkunden, Garagen und Auftraggeber. Das Netzwerk habe sich in fünf Jahren mehr als verdreifacht. Im Verhältnis zur Bevölkerung sei das Netz in der Schweiz rund dreimal so dicht wie zum Beispiel im Benelux. Mehrere Flotten- und Leasinggesellschaften arbeiteten bereits mit dem Netzwerk zusammen, weitere Gespräche liefen. 2027 wolle Certified First die Lücken im Netz schliessen, vor allem im Tessin, in Graubünden, in Genf und im Wallis. Interessierte Betriebe könnten alle Informationen auf www.certifiedfirst.ch finden. Seit 2022 hätten 235 Inhaber und Mitarbeitende an den Kursen teilgenommen. 2025 habe sich die Zahl gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt. 72 Prozent der Teilnehmenden bewerteten die Kurse 2026 mit «sehr gut», alle anderen mit «gut». Allein 2026 hätten Mitglieder Kurse im Gegenwert von über 30'000 Franken besucht, die für sie kostenlos seien. Der Hochvolt-Kurs schliesse mit einer Prüfung beim AGVS ab; wer sie bestehe, erhalte das Zertifikat. Ab 2027 öffne Certified First seine Kurse für alle Betriebe der Branche, für Kunden von Belfa und PPG ebenso wie für alle anderen. Über das Netzwerk profitierten die Betriebe zudem von Partnerlösungen für Felgenreparatur, Hagel- und Dellenreparatur, Originalersatzteile sowie Entsorgung und Recycling. Neu komme ab 2027 Ticino Ricambi dazu.
Was die Zukunft für KMU bedeutet
Danach rückte Zukunftsforscher und Autor Joël Luc Cachelin in seinem Referat drei Entwicklungen in den Fokus: Klimawandel, demografischen Wandel und künstliche Intelligenz. Mehr Hitzetage und Tropennächte könnten Gesundheit, Schlaf und Konzentration beeinträchtigen – mit Folgen für die Arbeit im Betrieb. Cachelin regte an, Kühlung, Arbeitszeiten und die Gestaltung von Arbeitsräumen mitzudenken. Auch die alternde Bevölkerung verändere die Ausgangslage: Bis 2055 dürfte die Schweiz um rund zehn Prozent wachsen, und ältere Menschen würden als Kundengruppe wichtiger. Bei KI gehe es nicht nur um Effizienz. Cachelin warnte auch vor Cyberrisiken, wachsender Einsamkeit und dem Verlust eigener Fähigkeiten, wenn Menschen zu viel an digitale Systeme delegieren. Sein «Human Sandwich» beschreibt einen bewussten Umgang: erst selbst nachdenken, dann KI einsetzen und ihre Ergebnisse kritisch prüfen.
Digitale Hilfe, menschliche Entscheidung
Nach der Pause zeigte Philipp Zimmermann, Geschäftsführer von Auto-i-Dat, wie der digitale Schadenprozess abläuft: Die Werkstatt fotografiert den Schaden, kalkuliert ihn in Silver Dat 3 und übermittelt Daten und Bilder an die Versicherung. Diese prüfe den Fall und gibt die Reparatur frei. So bleibe den Betrieben mehr Zeit für Reparaturen und ihre Kundschaft. Für die Zukunft kann sich Zimmermann eine automatische Erstkalkulation per KI vorstellen. Das Sprachmodul «Silvie», welches momentan von verschiedenen Betrieben getestet wird, soll Angaben aufnehmen und in die Kalkulation einfliessen lassen. Die fachliche Entscheidung liege weiterhin beim Menschen. Auch beim Thema Nachhaltigkeit biete Auto-i-Dat Unterstützung. Zum Beispiel mit dem Green Repair Tracker, der die Reparaturquote eines Carrosseriebetriebs mit einem Richtwert vergleicht und ihn so für Flottenbetreiber, Leasinggesellschaften und Versicherungen sichtbar attraktiver macht.
Lackiererei - zwischen Mensch und Roboter
Dann kündigte Cyndie Allemann Daniel Zollinger an, New Business Manager bei Lackhersteller PPG an, der einen Ausblick auf die Lackiererei der Zukunft geben soll. Zum Erstaunen aller trat aber niemand auf die Bühne, nur eine KI-Stimme ertönte und führte mit einem seltsamen Akzent (holländisch?) durch die Themen. Im Mittelpunkt standen die Technologien, die eine Lackiererei in den nächsten fünf bis zehn Jahren prägen könnten: Exoskelette, Roboter, virtual Reality sowie künstliche Intelligenz. Virtuelles Lackieren mit VR-Brille und Lackierpistole gebe es ja bereits. Auch Exoskelette seien bereits erhältlich, den Lackierer könnten sie bei Überkopfarbeiten unterstützen. KI könne beim Anmischen, bei Farbtonbestimmung, bei Lagerführung und bei der Auftragssteuerung helfen. Und vereinzelt gäbe es auch schon Lackierroboter. Dann trat Zollinger doch noch auf die Bühne. Auf Nachfrage von Cyndie Allemann sagte er, dass Roboter standardisierte Arbeiten übernehmen und Menschen entlasten können, ersetzen werden sie ihn aber nicht.
Wettkampf am Simulator
Nach dem Gruppenfoto und dem Nachtessen ging es sportlich weiter: Beim Quiz und am Rennsimulator der CFS-Challenge kämpften die Gäste um vier Pokale. Certified-First-Champion 2026 wurde Agim Krasniqi von der Meier Carrosserie GmbH. Am Simulator fuhr Sandro Carnazza (Carnazza AG) die schnellste Runde vor Valentin Pagani (Garage et Carrosserie Pagani) und Jean-Luc Emch (Carrosserie du Rond-Point). Mit der Siegerehrung ging ein intensiver und angeregter Nachmittag und Abend zu Ende.
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